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Das folgende ist ein Auszug aus dem Holakratie Gewohnheiten Programm für Lead Links der Hypoport AG.

Gewohnheit #2: Achte auf Deine Sprache

„Holakratie ist subtile Sprachpraxis.“
-Brian Robertson

Hallo,

wir beginnen ab dieser Lektion mit einer neuen Gewohnheit. Sie heißt: „Achte auf Deine Sprache“.

Das Innen und Außen von Spielen
Holakratie ist ein neues Spiel. Spiele werden definiert durch ihre Regeln. Du befindest Dich „in“ einem Spiel, wenn Deine Interaktionen (d.h. dasjenige was Du mit anderen Akteuren austauschst) den Regeln und Mustern des Spieles folgen. Du bist „in“ dem Sprachspiel der Deutschen Sprache, wenn Du Deutsche Wörter benutzt und Deine Sätze nach den Regeln der Deutschen Grammatik konstruierst (selbst wenn Du diesen Grammatikregeln nur unbewusst folgst und sie nicht explizieren kannst).

Vielleicht kennst Du den Spruch, mit dem Fußballer Éric Cantona mal  Diskussionen mit Rassisten charakterisiert hat. Sinngemäß geht er so: „Mit Rassisten diskutieren, das ist, wie mit einer Taube Schach spielen: Egal wie gut du bist, egal wie sehr du dich anstrengst, am Ende wird die Taube aufs Spielfeld kacken, alles umschmeißen und umherstolzieren, als hätte sie gewonnen.“

Abgesehen von einer brillanten Metapher ist das eine Illustration dafür, wie man das Spiel „Schach“ (bzw. das Spiel „Diskussion“) nicht spielt. Die Taube befindet sich außerhalb des Spiels, weil ihre Interaktionen nicht den Regeln von Schach folgen (man wirft die Spielfiguren nicht einfach um). Das Muster des Austausches wird gebrochen, sie macht sich zum „Outsider“. Die Taube spielt irgendwas, aber es ist nicht mehr Schach.

Wie Du ein Holakratie-Insider wirst
Du hast sicherlich schon gemerkt, dass Holakratie ein neues Spiel ist, das mit einer Menge neuer Begriffe im Schlepptau daherkommt: „Governance“, „Tactical“, „Rep Link“, „Einwand“, „Purpose“, „Accountability“, usw. Vielleicht empfindest Du das als lästig, weil es Dich zum Neu-Lernen und Umlernen zwingt. (Strenggenommen „zwingt“ Dich niemand – letztlich triffst Du die Wahl in einer solchen Firma zu bleiben, die so mutig ist etwas Neues auszuprobieren. Wieder: Sprache ist wichtig, um sich nicht als Opfer der Umstände zu stilisieren.)

Es ist aber unausweichlich. Die neue Sprache ist Teil des neuen Spiels. Wir haben keine materiellen Spielfiguren, wie im Schach, um das neue Spiel zu symbolisieren. Wir sind dafür hauptsächlich auf Sprache und Worte angewiesen, um diese neue Realität zu erzeugen. Die neuen holakratischen Begriffe und Kategorien sind also quasi unsere neuen Spielsteine und die Holakratie-Verfassung ist unser Regelbuch, das beschreibt, welche Züge erlaubt sind und welche nicht.

Wenn wir die Regeln von Holakratie brechen, dann sind wir wie die Taube, die aufs Spielfeld kackt: Wir spielen irgendwas, aber es ist nicht mehr wirklich Holakratie.

Gute Praxis, jenseits von falsch und richtig
Das Befolgen der Regeln, z.B. der Prozessregeln innerhalb von Governance- oder Tactical-Meetings, wie sie vom Facilitator eingefordert werden, ist eine grundlegende Voraussetzung für die erfolgreiche Teilnahme am holakratischen Spiel. Was viele besonders am Anfang übersehen, ist die Tatsache, dass die Regeln von Holakratie auch außerhalb von Meetings Gültigkeit haben – d.h. auch wenn der Facilitator gerade mal nicht guckt. Alle Rechte und Pflichten für Rollenfüller wie sie in der Verfassung stehen, gelten auch im Tagesgeschäft. Wenn zwei Kollegen miteinander sprechen findet quasi ständig ein Mini-Tactical-Meeting statt, ohne dass es jemand einberufen hätte. Es ist ein Zeichen von Reife in der Praxis, wenn auch außerhalb von Meetings Projekte und Aktionen angefragt, Daten und Informationen geteilt werden und bewusst auf die in der Governance definierte Rollenstruktur referenziert wird.

Doch natürlich gibt es mehr als nur regelkonformes Verhalten. Eine Fußballmannschaft, die den Regeln des Spiels folgt, kann auf Kreisklasse-Nivea kicken, eine andere in der Champions-League um den Titel spielen. Beide Teams folgen den Fußballregeln der FIFA, doch jenseits der Regeln realisieren sie sehr unterschiedliche Potentiale desselben Spiels. Hier gibt es eine ungeheure Spannbreite der Möglichkeiten.

„Subtile Sprachpraxis“
Bewusster Einsatz von Sprache ist hierbei zentral, um das Potential von Holakratie optimal auszuschöpfen. Brian Robertson, der Holakratie-Erfinder, hat es mal als „subtile Sprachpraxis“ bezeichnet. Je länger man es praktiziert, desto klarer wird, wie wir durch bewussten Einsatz von Sprache bessere Ergebnisse erzielen können. „Subtil“ ist es, weil wir mit Sprache nicht nur einfach die Realität abbilden, sondern Realität co-kreieren. Sprache ist nie neutral, denn sie setzt uns immer schon auf ein bestimmtes Gleis. Wir können aber auch nicht einfach auf sie verzichten. Wir wollen uns schließlich mitteilen, uns abstimmen. Daher ist es gut, wenn wir zunehmend bewusster darüber werden, wie wir sprechen und unsere Sprache in eine wünschenswerte Richtung lenken. Das ist der Punkt dieser Lektion.

Sprach-„Hacks“ für Lead Links
Die zentrale Grund-Maxime für kommunikatives Verhalten, die für Facilitatoren so überaus nützlich ist, ist auch für Lead-Links unentbehrlich:

„FRAGEN STATT SAGEN“
Warum ist das wichtig? Erinnere Dich, dass der Holakratie ein System verteilter Autorität zugrunde liegt. Du hast nicht (mehr) die Autorität, anderen zu sagen, was sie zu tun haben. Somit hast Du kein Recht dazu mit Arbeitsanweisungen um Dich zu werfen. Du kannst es natürlich versuchen, aber es pervertiert die Intention von Holakratie. Oder etwas Unvorhergesehenes geschieht: ein Kollege, der Holakratie kapiert hat, spiegelt Dir das wieder. Betrachte folgendes Beispiel:

Lead Link: Bernd, der Kunde hat angerufen wegen nächster Woche. Ich will morgen einen neuen Angebotsentwurf auf meinem Tisch sehen.

Bernd: Tut mir leid, aber Du hast nicht die Autorität mir wahllos Arbeit aufs Auge zu drücken. Ich fülle keine Rolle, von der Du legitimerweise erwarten kannst Angebote zu erstellen. Ich habe keine solche Accountability. In der Tat weiß ich nicht mal zu welcher Rolle von mir Du gerade sprichst. Entweder Du findest den richtigen Ansprechpartner, prozessierst Deine Erwartung in Governance oder kümmerst Dich als Lead Link selber darum, falls es wichtig für den Kreis ist.

Lead Link: Äääh…, ok. Diese Holakratie treibt mich noch in den Wahnsinn…


Vergleiche das mit folgenden Gesprächsverlauf:

Lead Link: Bernd, der Kunde hat angerufen wegen nächster Woche. Wir brauchen dringend einen neuen Angebotsentwurf. Würde das Projekt vielleicht zu einer Deiner Rollen passen?

Bernd: Ich könnte es versuchen, falls es superwichtig ist, aber es liegt eigentlich außerhalb meiner Rollen. Schau doch mal in der Governance nach, wer dafür zuständig ist.

Lead Link: [schaut in den Governance Aufzeichnungen nach] Mmmh, das ist ja komisch. Es gibt niemanden der explizit dafür zuständig ist Angebote zu entwerfen. Somit kann ich das nicht von Dir erwarten. Ich brauche das aber. Ich werde eine Governance-Spannung in das Meeting in zwei Wochen mitnehmen, um das zu klären. Aber was mache ich jetzt bis dahin mit dem Thema? Ich kann das ja nicht einfach aussitzen. Hast Du eine Idee?

Bernd: Wie gesagt, ich könnte eine individuelle Aktion annehmen und mich dieses Mal ausnahmsweise außerhalb meiner Rollen darum kümmern, falls das hilft. Mir ist nur wichtig, dass grundsätzlich geklärt ist, wo das liegt.

Lead Link: Super, danke Dir. Ja klar, ich werde das in Governance klären.


Im ersten Beispiel macht der Lead Link eine Ansage als wäre er eine klassische Führungskraft in einer konventionellen Managementhierarchie. Nur leider beißt er mit seinem Befehlston bei dem (in diesem Beispiel gut informierten) Kollegen auf Granit. Selbst wenn er seinen Befehl weniger offensichtlich in eine Pseudo-Frage verpackt hätte („Kannst Du das bitte mal machen?“), wäre die dahinterliegende Haltung immer noch mit durchgekommen. Eine echte Frage ist kein rhetorischer Taschenspielertrick, um Informationen oder Anweisungen loszuwerden, sondern immer ergebnisoffen und tatsächlich an der Antwort interessiert (vgl. Pseudo-‚Verständnisfragen‘ in Governance Meetings).

Im zweiten Beispiel stellt der Lead Link die entscheidende Frage „würde das zu einer Deiner Rollen passen?“. Er demonstriert damit, dass er verstanden hat, dass Arbeitsanfragen zu den vereinbarten Accountabilities von Rollen passen müssen. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass die explizite Accountability fehlt. In den Governance-Aufzeichnungen nachzuschauen ist ebenfalls eine Form des Fragens. Der Lead Link übt damit auch die erste Gewohnheit „Unwissenheit als Spannung identifizieren“. Als er seinen Kollegen (ich spreche hier bewusst von seinem „Kollegen“, nicht von seinem „Untergebenen“) nach Ideen fragt, wie es weiter gehen könnte, zeigt sich dieser wesentlich hilfsbereiter und bietet an mit einer individuellen Aktion einzuspringen – selbst obwohl das niemand von ihm erwarten kann.

Achte also auf Deine Sprache. Beherzige die Formel „fragen statt sagen.“  Viel Erfolg!