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Die neuen Tactical und Governance Facilitation Karten

Zum Facilitieren der verfassungsmäßig vorgeschriebenen Meetings in Holakratie, Tactical und Governance, gibt HolacracyOne als zentrale Ressource die Facilitation-Karten heraus. Am 06. März wurden in der öffentlichen Holacracy Community of Practice die überarbeiteten Facilitation-Karten von Chris Cowan veröffentlicht. Wir haben sie für den Gebrauch bei Hypoport auf Deutsch übersetzt und bieten sie hier zum Download an.

Englische Version zum Download

Deutsche Version zum Download


Was ist neu?

Governance

Testkriterium 3: von „bekannte Daten“ zu „zwangsläufig“

Die entscheidende Änderung bei der Governance Karte ist wahrscheinlich die Neuformulierung der dritten Einwandstestfrage von

„Beruht dein Einwand auf bekannten Daten… oder sagst du voraus, dass dieser Schaden wahrscheinlich entstehen wird“

hin zu

„Würde die Annahme des Vorschlags zwangsläufig diese Wirkung haben…oder sagst Du voraus, dass diese Wirkung eintreten wird?“

Die bisherige Formulierung hat in der Vergangenheit zu Verwirrungen über die Natur von „bekannten Daten“ geführt. Jeder Vorschlag ist neu (mit der Ausnahme von Vorschägen, die wie eins zu eins schon mal genau so ausprobiert haben) und somit immer auf die Zukunft gerichtet. Niemand hat „bekannte Daten“ über die Zukunft, daher ist technisch gesehen eigentlich immer ein bißchen Voraussage im Spiel. Die Fixierung auf den Begriff der „bekannten Daten“ lenkte aber bisher vom eigentlichen Punkt ab – von der Frage, ob der erwartete negative Effekt (Schaden) durch die Annahme des Vorschlags zwangsläufig auftreten wird, oder nicht.

Wenn z.B. durch den Vorschlag eine Domäne definiert werden soll, die die Rolle mit dem Einwand daran hindern würde Kundenverträge abzuschließen, dann entsteht dieser Schaden zwangsläufig für die Rolle. Er entsteht buchstäblich „per Definition“. Indem wir die Domäne so definieren, schränken wir alle anderen Rollen in ihrem Zugriff ein. Dafür ist keine Voraussage über die Zukunft nötig und wir müssen auch nicht in der Empirie nachschauen gehen. Um die alte Wortwahl zu bemühen: es sind „bekannte Daten“, so wie es bekannte Daten sind, dass 2+2= 4 ergibt – ohne, dass ich meine Finger abzählen müsste. Ich weiß es jetzt schon – zwangsläufig. Das dahinterliegende Testkriterium ist dasselbe geblieben, doch die geänderte Wortwahl der Frage auf der Facilitation-Karte führt in der Praxis zu weniger Missverständnissen darüber, was eigentlich gefragt ist.

Sonstiges

Darüberhinaus wurden auf der Vorderseite hilfreiche Piktogramme eingefügt, die schnell erkennbar machen, wer an welchem Schritt im Prozess spricht und wer nicht. Zudem wurden die Schritte und Leitfragen für die Integration deutlicher beschrieben.


Tactical

Eine Übersetzung der 5 Pfade in konkrete Fragen

Die Tactical Karte wurde grundlegend überarbeitet und geklärt. Bisher fand man auf der Rückseite der Tactical Karte nur eine Beschreibung der 5 Pfade zur Lösung von Spannungen im Tactical Meeting.

  1. Next-Action anfordern
  2. Projekt anfordern
  3. Informationen anfordern
  4. Informationen teilen
  5. Eine neue Erwartung setzen (Spannung für Governance)

Dieses Schema wurde wurde prozessual in vier Fragen (mit Unterfragen) übersetzt, die man nacheinander stellen kann, um dem Spannungsinhaber bei der Prozessierung seiner Spannung zu helfen. Nun findet man eine vereinfachte Version dieser Pfade zusammen mit Hinweisen, worauf man als Facilitator konkret achten soll. :

  • „Möchtest Du, dass etwas getan wird?“ Dieser Punkt umfasst die bisherigen ersten beiden Pfade mit ihren Fragen nach Next Actions und Projekten und fragt grundlegender, ob die Spannung durch eine bestimmte Handlung aufzulösen ist. Falls ja, dann wird weiter gefragt: „Von welcher Rolle möchtest Du das anfragen?“ Die Handlung (Aktion/ Projekt) wird an die passende Rolle adressiert, sofern vorhanden. (Falls implizite Erwartungen im Spiel sind, die durch die aktuelle Governance nicht abgedeckt werden, wird man auf die letzte Frage verwiesen).  Weiter geht es mit „Würde es dem Purpose oder den Accountabilities deiner Rolle dienen, diese Aktion anzunehmen oder auf dieses Ergebnis hinzuarbeiten?“ Die Formel ist sperrig, aber klarer als das landläufige „Nimmst Du das Projekt an?“, da sie klar herausarbeitet, dass es keine Frage von persönlicher Lust oder Unlust ist, ob ein Rollenfüller ein Projekt oder eine Aktion annimmt – es gehört zu seinen operationalen Pflichten Projekte anzunehmen und zu verfolgen, die unter seine Rolle fallen. Das Framing der Projektanfrage macht Ausweichen schwieriger und die Arbeit innerhalb von Rollen somit verbindlicher.
  • „Brauchst Du Informationen?“ Hier wurde der wertvolle Hinweis hinzugefügt, dass man auf Verhalten achten soll, das nach Konsenssuche aussieht und die Teilnehmer daran erinnern soll, dass sie bereits die volle Autorität haben, um jegliche Entscheidung zu treffen, die ihrer Rolle dienen würde.
  • „Willst Du Informationen teilen?“ Hier wird noch mal empfohlen zurückzufragen, um zu prüfen, ob durch das Teilen der Information die Spannung gelöst worden ist, oder ob noch ein Rest übrig ist: „Hast du was du brauchst?“ Man bekommt den Hinweis, dass man auf alles achten solle, was nicht Info-Teilen ist, (z.B. eine implizite Anfrage einer Aktion oder eines Projekts).
  • „Gibt es etwas, das du regelmäßig erwarten können willst?“ Diese Frage verweist auf die Möglichkeit eine Governance-Spannung festzuhalten. Hier wurden eine Erklärung und zwei Fragen zum Ablesen ergänzt: „Erwartungen können nur in Governance definiert werden. Möchtest Du also eine Erinnerung, das in ein Governance Meeting zu bringen?“ Die zweite Frage betrifft den Zeitraum zwischen dem Erfassen der Governance-Spannung und dem eigentlichen Governance Meeting, wo das Thema grundlegend geregelt wird. Manchmal besteht noch Handlungsbedarf davor. Daher wurde die Frage ergänzt: „Gibt es bis dahin etwas Operationales, das getan werden muss?“

Alles in allem stellt das Update der Karten eine wesentliche Verbesserung dar und ist allen Praktizierenden uneingeschränkt zu empfehlen. Viel Erfolg!