Seite auswählen

„Alles ist möglich. Selbst dämliche Fragen wie Ihre!“

– Joschka Fischer

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Holakratie-Gewohnheiten Programm, das im Kontext von Hypoport erstellt wurde – in Anlehnung an das von HolacracyOne entwickelte Programm. Der Artikel betrachtet die Einwandstestfragen, die während eines Governance Meetings gestellt werden, im Detail. Ziel ist es zu verstehen, warum das jeweilige Testkriterium zum Einsatz kommt, welches Prinzip dahinter steckt und wie es angewendet wird.

Bestimmt hast Du Dich auch schon mal gefragt, wie Du Deine Einwände gültig machen kannst. Eine solche Frage beruht allerdings auf der irrigen Vorstellung, dass der Prozess der Integrativen Entscheidungsfindung eine Art argumentativer Wettbewerb sei, der zu gewinnen wäre. Es ist ein Ringen um Wahrheit, kein intellektueller Beauty Contest, bei dem man nur gut aussehen muss.

Eine Frage der Haltung

Versuche es stattdessen mal mit der folgenden Haltung: „Ich weiß nicht, ob die Bedenken, die ich gegen den Vorschlag habe, gültige Einwände nach den Regeln von Holakratie darstellen. Ich tue mein Bestes, um die Spannungen, die ich als Sensor der Organisation mit dem Vorschlag habe, so wirklichkeitsgetreu wie möglich zu repräsentieren. Der Facilitator und der Prozess helfen mir herauszufinden, ob mein Einwand integriert werden muss, oder nicht. Ich bin neugierig und ergebnisoffen und will im Grunde nur herausfinden, ob das eine oder das andere der Fall ist. So oder so hilft es der Organisation zu mehr Klarheit, wenn ich meinen Bedenken auf den Grund gehe. Gemeinsam der Wahrheit näher zu kommen ist letztlich wertvoller als meine individuellen Vorlieben. Meine Kollegen und ich spielen am Ende im selben Team und verfolgen denselben Purpose.“

Für zwei Dinge liegt die Latte in Governance-Meetings bewusst niedrig:

  1. Vorschläge einbringen (Was auch immer helfen würde, „anything goes“– die „Wurstmaschine“ Governance kümmert sich schon drum)
  2. Einwände anmelden (jegliches Bedenken reicht aus, um den Test zu triggern)

Der Prozess ist also bewusst so designt, um es Menschen möglichst leicht zu machen ihre Spannungen zu prozessieren. Beides – Vorschläge und Einwände – sind ja letztlich nur Versuche, spezifische Spannungen zu lösen. Einwände sind Spannungen, die dadurch entstehen, dass andere ihre Spannungen lösen wollen, indem sie das Muster der Zusammenarbeit (die Governance) verändern. Insofern könnte man Einwände auch als „sekundäre Spannungen“ bezeichnen. Die Spannung, die dem Vorschlag zugrunde liegt, wäre demnach die „primäre Spannung“.

Grundprinzipien, die den Prozess informieren

Holakratie hilft das Wollknäuel zu entwirren – eine Spannung zur Zeit…

Ein wichtiges Prinzip in Holakratie lautet, dass wir immer nur eine Spannung zur Zeit prozessieren. Die „primäre Spannung“, der Vorschlag, steht zuerst im Fokus der Aufmerksamkeit. Wir suchen immer nach der minimal hinreichenden Lösung für die Spannung. Der Anspruch ist also nicht „die beste“ oder „optimale“ Lösung zu finden, sondern das Prinzip lautet: finde den minimal ausreichenden nächsten Schritt – nicht mehr und nicht weniger.

„Das Beste“ ist nicht „gut genug“ – buchstäblich!

Der Grund dafür ist nicht, dass Holakratie Exzellenz verabscheut oder dergleichen. Die Erfahrung ist vielmehr, dass es eine ungeheure Zeitverschwendung ist, nach der sogenannten „besten“ Lösung zu suchen – wer auch immer den Maßstab dafür definiert. Es hat sich als viel pragmatischer erwiesen, die minimale Verbesserung (dasjenige, was „gut genug“ ist), die wir jetzt sehen können zu implementieren, sie in der Praxis zu erproben, daran zu lernen und das Feedback der Realität schrittweise zu integrieren. Das ist das iterative, kleinschrittige Vorgehen, das kumulativ zu immer besseren Lösungen führt, weil dem Ganzen ein evolutionärer Algorithmus von Mutation und Selektion zugrunde liegt, der herausfiltert, was Schaden macht und nur das behält, was wirklich funktioniert. Deshalb muss niemand mehr in die Glaskugel schauen, um vorauszusagen, was wahrscheinlich „das Beste“ sein wird. Es basiert auf Experimentieren und Adaptieren und was „das Beste“ war zeigt sich dann eher in der Rückschau. „Das Beste“ zu suchen ist in der holakratischen Praxis also weniger als „gut genug“, weil ineffizient. Holakratie zielt ab auf eine Lösung, die „gut genug“ für jetzt ist. Das ist wesentlich ökonomischer.

Der Prozess nimmt den Vorschlagenden in Schutz

Wir kümmern uns also zunächst darum, die primäre Spannung durch den Vorschlag des Agendpunktinhabers aufzulösen. Wir wollen uns aber nicht im Kreis drehen, indem wir durch die Lösung der einen Spannung eine neue ins Leben rufen. Deswegen gibt es die Einwandrunde, um die durch den Vorschlag entstehenden, sekundären Spannungen zu sammeln und später zu integrieren.

Wann immer man allerdings die Schleusen für Einwände öffnet, dann strömen da in konventionellen Diskussionen allerlei Einwände ein, die nicht besonders nützlich oder zielführend sind. Das führt auch dazu, dass Leute sich mit ihren guten Ideen eher zurück halten, weil sie keine Lust auf solche Dynamiken haben. Man fühlt sich unfair angegriffen oder im Kreuzverhör. Der Vorschlagende, der sich traut seine Idee zu teilen, bedarf daher eines besonderen Schutzes durch den Prozess.

Holakratie hilft uns durch vier Kriterien unproduktive Typen von Einwänden auszufiltern. Während Einwände zu versuchen generell ermutigt wird, liegt gleichzeitig die Latte für „gültige“ Einwände, d.h. Einwände, die auf jeden Fall integriert werden müssen, bewusst hoch. Besonders in Kreisen, die noch nicht lange Holakratie praktizieren, fliegt der Großteil der erhobenen Einwände raus. Ist das nicht ein Widerspruch? Soll es nicht leicht sein Einwände zu machen? Einwände sind doch auch Spannungen. Werden hier nicht Spannungen als „ungültig“ verworfen? Ist das nicht gefährlich?

Kriterien zum Herausfiltern dessen, was zwingend notwendig integriert werden muss

Der Prozess sagt nicht, dass die Spannungen, die den meisten Einwänden zugrunde liegen „nicht real“ oder „nicht wert“ sind prozessiert zu werden. Er sagt lediglich, dass sie an dieser Stelle des Prozesses keine Spannungen sind, die zwingend notwendig integriert werden müssen. Das Ziel in Governance ist es ja, einen minimal hinreichenden Schritt vorwärts zu tun, der dem Vorschlagenden helfen würde, seine Spannung zu lösen – nicht weniger, aber vor allem nicht mehr. Wir erinnern uns an das Prinzip „Nur eine Spannung zur Zeit“ – der Fokus des Prozesses liegt ja auf der primären Spannung des Vorschlagenden, nicht auf der sekundären Spannung des Einwendenden.

Es gibt aber viele Typen von Spannungen, die „mehr“ sind, d.h. überflüssig an diesem Zeitpunkt. Daher werden sie durch Testfragen herausgefiltert, deren Kriterien in der Verfassung genau definiert sind (3.2.4). Ich verwende hier der Einfachheit halber die Kurzversion der Kriterien, die auch auf den Moderationskarten (Stand Juni 2018) zu finden sind. Damit ein Einwand gültig ist, muss er ALLE vier Testfragen überleben. Sobald eine Antwort nur einmal auf Pol B liegt, fällt der komplette Einwand flach. Wie gesagt, die Latte liegt relativ hoch.

Testkriterium #1:

Der Vorschlag würde der Fähigkeit des Kreises schaden, seinen Purpose auszudrücken

Polare Testfrage #1:

„Denkst du, dass uns dieser Vorschlag schaden würde… (Pol A)

ODER

…ist dein Bedenken, dass der Vorschlag unnötig oder unvollständig ist (Pol B)?“

Als „Schaden“ gilt alles, was die Fähigkeit des Kreises vermindern würde, seinen Purpose zu verfolgen. Darunter fällt auch alles, was die Klarheit aktiv verringern würde (doch es reicht nicht wenn der Vorschlag nur daran scheitert die Klarheit zu erhöhen).

„Unnötig?“ – Für wen?

Diese Testfrage stellt der Facilitator in der Regel noch bevor Du eine Gelegenheit hattest, den vermuteten Schaden genauer zu erläutern. Wenn Du den Vorschlag für „unnötig“ hältst, disqualifizierst Du Deinen Einwand, weil Du im Grunde nur sagst: „Ich verstehe nicht, was das bringen soll. Das ist doch unnötig.“ Das Problem ist nur, dass der Vorschlagende es ganz und gar nicht für unnötig hält – sonst hätte er den Vorschlag ja nicht gebracht. Er versucht nur seine Spannung zu lösen – es geht ja gar nicht um Dich. Wenn er meint, dass ihm das hilft, dann reicht das, denn er ist der Sensor der primären Spannung, nicht Du.

Eine „bessere Idee“ ist kein Grund, weshalb der Vorschlag Schaden macht

Der Aspekt „unvollständig“ zielt ab auf unsere Tendenz, endlos optimieren zu wollen. Wenn mein Einwand ist, dass der Vorschlag „noch besser“ sein könnte, und das erlaubt wäre, dann öffnete man dem Optimierungswahn Tür und Tor. Das findet kein Ende, denn es kann immer noch besser sein. Manchmal ködert der Facilitator den Einwenden gemeinerweise: „Denkst Du, dass der Vorschlag Schaden verursacht, oder hast Du eine bessere Idee?“, woraufhin der Einwendende mit leuchtenden Augen sagt: „Ja, ich habe eine bessere Idee!“ –„Wunderbar, sollen wir einen eigenen Agendapunkt für Dich eröffnen? Das können wir gerne tun. Aber eine bessere Idee ist kein gültiger Einwand. Wir suchen nicht ‚bessere’ oder die ‚besten’ Ideen, sondern nur einen minimal hinreichenden Fortschritt für den Vorschlagenden. Das leistet der Vorschlag bereits. Also muss dein Einwand hier nicht integriert werden.“ Auch wenn es sich aus der Gewohnheit erst mal kontra-intuitiv anfühlen sollte – es macht Sinn, wenn man die Prinzipien dahinter versteht.

Testkriterium #2:

Der Vorschlag würde eine neue Spannung erzeugen, wenn er angenommen würde

Polare Testfrage #2:

„Wird dein Bedenken durch den Vorschlag erzeugt… (Pol A)

ODER

…ist es bereits jetzt schon ein Problem, selbst wenn der Vorschlag fallen gelassen wird (Pol B)?“

Diese Testfrage prüft, ob der Schaden tatsächlich durch den Vorschlag verursacht oder verschlimmert würde oder ob er unabhängig davon bereits vorher besteht. Falls der vermutete Schaden weiterhin besteht, selbst wenn der Vorschlag fallen gelassen wird (Pol B), können wir sicher sein, dass sich der Einwand nicht auf den Vorschlag bezieht, sondern eine andere Spannung als Ursache hat. Diese ist wahrscheinlich eine legitime Spannung, die ebenfalls zu prozessieren wäre – allerdings nicht jetzt und nicht an dieser Stelle. Hier liegt der Fokus erst mal auf der primären Spannung des Vorschlagenden. Der Einwendende sagt also im Grunde, „Hey, Einwand, der Vorschlag löst ja mein anderes Problem gar nicht!“ Das war aber ja auch gar nicht der Anspruch des Vorschlagenden! Der wollte schließlich nur sein eigenes Problem adressieren.

Spannungs-Trittbrettfahrertum

„Willste mitfahren bei mir?“ Nicht in Holakratie!

Wenn andere ihre Spannungen lösen wollen, dann erinnert uns das oft an unsere eigenen, verwandten Spannungen. Der Impuls ist dann, beide Spannungen zu vermischen und zu fordern, dass ein Verbesserungsvorschlag beide Spannungen auf einmal adressiert, die Spannung des Vorschlagenden und meine eigene. Aber dann zerfasern Diskussionen gewöhnlich, weil wir nicht mehr eine Spannung zur Zeit prozessieren. Diesem notorischen „Spannungs-Trittbrettfahrertum“ schiebt der Prozess einen Riegel vor, indem er aufdröselt, ob die Bedenken durch den Vorschlag erzeugt werden, oder in einer separaten Spannung wurzeln. Der Facilitator sagt dann zum Einwendenden: „Das muss an dieser Stelle nicht integriert werden, aber wir können schnell einen eigenen Agendapunkt für Deine Spannung festhalten.“

Bestehende Spannungen werden verschlimmert

Dann gibt es manchmal noch den Fall, dass die andere Spannung des Einwendenden zwar schon vorher besteht, der Vorschlag das Problem aber noch verschlimmern würde. (Beispiel: „Ich hatte zwar vorher schon eine Schusswunde, aber wenn Du nun vorschlägst, das wir alle regelmäßig in Salzwasser baden sollen, dann werden meine Schmerzen nicht besser, sondern verschlimmern sich.“) Insofern wäre die Verschlimmerung gemäß dem Kriterium #2 „eine neue Spannung“, die durch den Vorschlag erzeugt werden würde. Somit wäre der Einwand gültig. 

Testkriterium # 3:

Der Einwand beruht entweder auf gegenwärtig bekannten Daten, oder ist notwendigerweise voraussagend, weil wir später nicht nachsteuern könnten.

Das Kriterium besteht aus zwei Komponenten, die jeweils ihre eigenen Testfragen (I + II) haben. Der Einfachheit halber wird hier zunächst die erste und weiter unten die zweite Frage betrachtet. 

Polare Testfrage #3/ I:

„Beruht dein Einwand auf gegenwärtig bekannten Daten… (Pol A)

ODER

…sagst Du voraus, dass dieser Schaden wahrscheinlich entstehen wird (Pol B)?“

Die erste der beiden Testfragen für Kriterium #3 führt sehr häufig zu Missverständnissen. Prinzipiell ist ja jeder Einwand voraussagend, einfach weil er sich auf neue Vorschläge bezieht, die wir per Definition noch nicht ausprobiert haben.

„Bekannte Daten“ oder voraussagend?

Der Blick in die Glaskugel…

Was sind nun also diese ominösen „bekannten Daten“? Wir suchen hierbei nach Dingen, die wir jetzt schon mit Gewissheit sagen können, einfach weil sie sachlogisch aus den Begriffen selber ableitbar sind, ohne dass wir in der Empirie nachschauen müssten (z.B. „alle Junggesellen sind unverheiratet“, „ein weißer Schimmel“, „2+2 = 4“), oder weil sie aus früherer Erfahrung bekannt, bzw. ableitbar sind („etwas ähnliches haben wir schon mal erfolglos versucht“). Insbesondere Verunklarung der Governance, die durch den Vorschlag ausgelöst wird, fällt darunter, z.B. eine Duplizierung von Accountabilities über zwei verschiedene Rollen hinweg. Das sind unstrittige Daten, die bereits vorliegen, sobald der Vorschlag vorgestellt wird (Pol A). Der Facilitator „misst“ hier also den Grad der Gewissheit. Wenn sich der Einwendende also absolut sicher ist, dass der Schaden eintreten wird und dies auch klar darlegen kann, dann passiert der Einwand diese Hürde und die zweite Testfrage für dieses Kriterium entfällt.

Wie in der vorigen Lektion erklärt wurde, beurteilt der Facilitator bei allen Argumenten, die der Einwendende präsentiert, um den Schaden zu erläutern lediglich, a) ob überhaupt ein Argument geliefert wurde, und b) ob das Argument eine logisch schlüssige Verknüpfung von Aussagen ist. Der empirische Inhalt der Aussagen wird in der Beurteilung durch den Facilitator ausgeklammert.

„Was wäre, wenn?“ Zukunftsängste sind nicht gleich Zukunftsängste

Auwei, was nicht alles passieren könnte…

Reizwörter für Pol B sind „wahrscheinlich“, „vielleicht“ oder „möglicherweise“. Sie deuten an, dass der Vorschlagende sich nicht so sicher ist, dass der Schaden durch den Vorschlag wirklich eintreten wird. Er spekuliert. Der Grund dafür, dass eine solche Art von Einwänden kritisch geprüft wird, ist, dass wir im Allgemeinen dazu neigen, den Teufel an die Wand zu malen und in apokalyptischen Sorgen über mögliche Folgen von Veränderungen zu schwelgen. Im Ausland wird das manchmal auch als „German Angst“ belächelt. „Stell Dir nur vor, was alles Schlimmes passieren könnte…“ Genau: „könnte“. Wir wissen es nicht genau. Sollen wir deswegen den Versuch abbrechen? Wenn solche Arten von Einwänden automatisch gültig wären, dann hätte die Angst gesiegt und wir würden auf ewig in unserem zauderhaften Zögern stecken bleiben und die primäre Spannung nicht lösen.

Holakratie basiert auf dem Prinzip der dynamischen Steuerung. Wir versuchen nicht mehr, die Zukunft unendlich weit voraus zu sagen und dann zu kontrollieren („voraussagen & kontrollieren“), sondern wir gehen ein Stück weit ins Risiko, indem wir etwas ausprobieren, daran lernen und es beim nächsten Mal wieder anpassen („wahrnehmen & antworten“). Wenn wir große Entscheidungen  treffen müssen, versuchen wir sie in kleinere Schritte herunterzubrechen, mit denen wir experimentieren und Daten sammeln können. Diese Daten informieren dann unsere weiteren Entscheidungen.

Nicht sicher genug, um es zu probieren?

Das Problem ist nur, dass ein solches dynamisch steuerndes Vorgehen nicht immer möglich ist. Manche Entscheidungen sind zu groß und zu riskant, als dass wir im Versuch-und-Irrtum Modus damit herum experimentieren könnten. Wenn die Firma z.B. ein neues Bürogebäude kaufen will, kann man nicht testweise den Kaufvertrag unterzeichnen. Manche Entscheidungen haben massive Konsequenzen, sind irreversibel und können großen Schaden nach sich ziehen. Um diese Art von Einwänden nicht vorschnell zu invalidieren mit dem Verweis, dass sie ja „nur übertriebene Zukunftssorgen“ seien, gibt es eine zweite Testfrage für das 3. Kriterium. Dass man Schaden lediglich voraussagt, ist also noch nicht per se ein Ausschlussgrund für einen solchen Einwand, sondern nur dann, wenn es nicht sicher genug ist, um es zu versuchen.

Polare Testfrage #3/ II (Sub-Frage):

Falls voraussagend …

„Würde bedeutender Schaden entstehen, weil wir nicht nachsteuern könnten … (Pol A)

ODER

…ist es sicher genug es zu versuchen, wissend, dass wie es jederzeit revidieren können (Pol B)?“

Wichtig hierbei ist, dass die zweite Sub-Frage nur dann gestellt wird, wenn die Antwort auf die erste Frage für dieses Kriterium vorher auf Pol B gelandet ist, d.h. wenn vorausgesagt wurde, dass „vielleicht“, „wahrscheinlich“ oder „möglicherweise“ Schaden durch den Vorschlag entstehen wird.  Das ist deshalb so wichtig, weil potentielle Revidierbarkeit ein ziemliches Killer-Kriterium für Einwände ist, das ansonsten viele Einwände eliminiert, die eigentlich ernst zu nehmen wären. Wir erinnern uns: das Schlechteste, was wir tun können, ist valide Einwände, d.h. berechtigte Hinweise auf echten Schaden, durch Ungeschick aus dem Prozess zu kegeln. Das unterminiert –zurecht– jegliches Vertrauen in den Prozess. Die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass leider oftmals gültige Einwände rausgeworfen werden, weil die Wendung „sicher genug, um es zu versuchen“ (so nützlich sie als leitendes Prinzip außerhalb von Governance auch sein mag) inflationär angewendet wird.

Wenn man also die schon erste Teilfrage des 3. Kriterium passiert hat und der Facilitator einem aus Versehen auch noch die zweite stellt (vielleicht, weil er noch neu und unerfahren ist und die Mechanik des 3. Kriteriums nicht versteht und unaufmerksam von der Karte abliest), dann kommt es zu absurden Ergebnissen, wie z.B. dass ein Einwand doch noch einkassiert ist, obwohl man kurz vorher bereits etabliert hat, dass eine Accountability verunklart wird (das sind „bekannte Daten“). Es ist also wichtig, dass der Facilitator die Worte „Falls voraussagend…“ auf der Moderationskarte nicht überliest. Nur falls es wirklich voraussagend ist, muss er prüfen, ob es sicher genug ist, um es zu versuchen. Sonst darf er es nicht.

Bedeutender Schaden

Mit manchen Dingen sollte man lieber nicht experimentieren…

Nun zu den Fällen, wo die zweite Teilfrage greift. Was genau ist „bedeutender Schaden“? Einen Anhaltspunkt dafür liefert die Testfrage selber: er ist so groß, dass wir unseren Fehler hinterher nicht einfach wieder revidieren können, sobald sich Anzeichen dafür manifestieren. Klassische Beispiele aus der Praxis:

  • Wenn der Kunde verloren ist, dann ist er weg“
  • „Wenn unser Ruf in der Öffentlichkeit beschädigt ist, dann ist das Vertrauen verspielt“
  •  „Wenn durch Abschaffung dieser Richtlinie ein Mitarbeiter körperlichen Schaden nimmt, dann ist das unverzeihlich“

In Holakratie versuchen wir zu experimentieren und Daten zu sammeln, wann immer möglich. Das geht wesentlich öfter, als wir uns gewöhnlich klar machen. Meistens ist es sicher genug, um es zu probieren. Daher scheitern an dieser Frage zurecht so viele Möchtegern-Einwände.

Doch wir müssen auch unterscheiden können zwischen Situationen, in denen Experimente gefahrlos möglich sind und solchen, in denen bedeutender Schaden entstünde, weil wir die Uhr nicht wieder zurück drehen können. Wir mögen zwar nicht zu 100% beweisen können, dass der bedeutende Schaden wirklich eintreten wird, aber die reine Möglichkeit der Irreversibilität reicht aus, um diesem Kriterium zu genügen. Darüber entscheidet nicht der Facilitator, sondern der Sensor der Spannung, der Einwendende, schätzt die Sachlage nach bestem Wissen und Gewissen ein. Die Testfrage ist nur der Spiegel, in den er blickt.

Testkriterium #4:

Der Vorschlag würde den Purpose oder die Accountabilities eine deiner Rollen behindern.

Polare Testfrage #4:

„Würde der Vorschlag eine deiner Rollen behindern … (Pol A)

ODER

…versuchst du einer anderen Rolle oder dem Kreis zu helfen (Pol B)?“

Dieses Kriterium ist gerade für Anfänger eines der am Schwersten nachvollziehbaren Ausschlusskriterien für valide Einwände. „Warum zur Hölle soll ich einer anderen Rolle oder einem Kreis nicht helfen dürfen? Ist zu helfen nicht etwas uneingeschränkt Gutes?“ 

„Ich will doch nur helfen…“

Nun ja. Manche Formen von „Hilfe“ sind schlichtweg schädlich. Es gibt Persönlichkeitstypen, die ihren gesamten Selbstwert daraus ziehen, dass sie anderen „helfen“ – ob der andere das will, oder nicht. Zum einen ist das ziemlich übergriffig, zum anderen werden dadurch ungesunde Dynamiken befördert. Der Helfer springt heroisch als Individuum in die Bresche und verhindert den Schmerz, der andernfalls als Spannung zu einer organisationellen Antwort führen würde. Die Organisation wird um die Lernerfahrung betrogen. Alkoholiker haben oft Partner, die ihnen „helfen“ – das kennt man auch unter dem Begriff der „Co-Abhängigkeit“. Die Krankheit wird durch den „Helfer“ systemisch ausgeweitet und die Hilfe verkehrt sich in ihr Gegenteil.

Wenn der Nachbar deine Küche putzt

„Danke, aber…“

In Holakratie geht es viel darum, sinnvolle Grenzen zu setzen und zu wahren. Jede Rolle hat ihren Bereich, um den sie sich kümmert. Selbstorganisation heißt, dass jede Rolle ihre eigenen Spannungen prozessieren muss.  Chris Cowan von HolacracyOne bringt folgendes Beispiel: Stell Dir vor, Du kommst nach Hause und findest zu Überraschung Deinen Nachbarn vor, der gerade Deine Küche putzt. Die Terassentür stand zufällig offen und er hat gesehen, dass viel zu tun ist. Das ist sicherlich alles gut gemeint, aber super übergriffig. Eine solche Art von „Hilfe“ braucht kein Mensch. Komplett anders sieht es natürlich aus, wenn der Nachbar Hilfe anbietet und Du sie akzeptierst, oder wenn Du ihn selber um Hilfe bittest.

Dasselbe Prinzip gilt für Governance-Meetings. Wenn ich nicht anwesend sein kann, dann kann ich meinen Kollegen bitten, meine Spannung zu vertreten. In Bezug auf den Super-Kreis kannst Du den Rep Link dafür nutzen, um Deine Spannung stellvertretend zu prozessieren. In beiden Fällen braucht es aber eine explizite Erlaubnis.

Ein weiterer Grund ist, dass ich Spannungen, die ich stellvertretend für andere Rollen fühle und prozessiere, um ihnen zu „helfen“, nie genau so fühle, wie der Rolleninhaber selber. Nur allzu oft  stellt der Helfer verwundert fest, dass „die Rolle, die doch eigentlich eine Spannung fühlen sollte“ (die der Helfer antizipiert hat), die Spannung gar nicht verspürt – oder nicht in selbem Maße. Holakratie verlässt sich lieber auf den wahren Sensor (die Rolle selber) und nicht auf den selbsternannten Aushilfs-Sensor.

Was tun, wenn Du etwas siehst, was die Rolle, die es interessieren sollte, nicht sieht?

Du hast immer die Möglichkeit, in der Reaktionsrunde Deine Bedenken zu teilen: „Wenn ich in deiner Rolle wäre, hätte ich mit diesem Vorschlag aus folgendem Grund ein Problem…“. Außerdem gibt es eine Rolle, deren Job es ist, den Purpose des Gesamt-Kreises zu vertreten und die an dieser Stelle ebenfalls einen Einwand erheben darf: der Lead Link. Aber wenn selbst der Lead Link und die Rolle, die es Deiner Meinung nach interessieren sollte, beide bei der Einwandsrunde nicht zucken, obwohl Du während der Reaktionsrunde Dein leidenschaftliches Plädoyer über die Schadhaftigkeit des Vorschlags zum Besten gegeben hast, dann ist es vielleicht an der Zeit loszulassen und ihrem Urteil zu vertrauen.

UGO: Ungültiger Governance Output

Dies ist eine eigene Kategorie von Einwänden, der rein die Form eines Vorschlags betrifft, nicht den Inhalt. Um einen UGO als Einwand gültig zu machen, muss man die Testkriterien 1- 4 nicht durchlaufen. Er gilt unabhängig davon, wenn der Vorschlag die formalen Vorgaben für gültigen Governance Output verletzt. Der UGO Einwand wird zu Anfang meist vom Facilitator erhoben (weil er sich mit der Verfassung besser auskennt, als die meisten), aber jeder darf ihn erheben. Damit er anerkannt wird, muss man begründen, gegen welche Regel der Verfassung der Vorschlag verstößt. Die allgemeine Formel lautet: „X entspricht nicht der Definition von Y in der Verfassung“, z.B.:

  • UGO. Der Vorschlag darf keine spezifischen operationalen Entscheidungen enthalten.“
  • „UGO. Die Rolle soll in unserem Sub-Kreis geschaffen werden, doch die Governance des Sub-Kreises liegt außerhalb unserer Autorität..“

Der UGO Einwand ist also ein Sicherheitsnetz, das es möglich macht, Vorschläge zu stoppen, die den formalen Anforderungen nicht genügen. Der UGO Einwand ist erst gelöst, wenn der Vorschlag in die korrekte Form übersetzt worden ist. Dadurch wird erzwungen, dass die Definition von Governance und die Regeln der Verfassung eingehalten werden. Hier ein paar geläufige Anwendungsfälle:

  • Eine Rolle braucht neben einem deskriptiven Namen mindestens einen Purpose, eine oder mehrere Accountabilities, oder eine oder mehrere Domänen.
  • Accountabilities müssen wiederkehrende Tätigkeiten beschreiben – nicht einmalige Aktionen oder Projekte (d.h. spezifische operationale Entscheidungen mit einem Endpunkt).
  • Es darf nicht auf Personen referenziert werden, nur auf Rollen.
  • Richtlinien dürfen nur Handlungen einschränken oder erlauben, aber keine Aktionen einfordern.

Diese Liste ist nicht erschöpfend, weil die Verfassung viele Regeln enthält, gegen die man theoretisch verstoßen kann. In der Praxis ist das Set der tatsächlich beobachtbaren Verstöße aber wesentlich kleiner.

Nicht nur neue Regeln, sondern auch Prinzipien, Gründe und Purpose

Diese Lektion war lang und detailreich. Doch keine Sorge. Du musst nicht alle diese Nuancen erinnern können. Am Anfang ist es eine Entlastung, wenn man sich auf den Facilitator als Experten verlassen kann. Doch später ist es gut, wenn Du selber auch mal einen Blick in die Verfassung wirfst, damit Du ihm helfen kannst, falls er etwas übersieht. In der Zwischenzeit übe die Gewohnheit „ermutige Einwände“, damit Du viel praktisches Anschauungsmaterial erlebst.

In diesem Artikel ging es primär darum, einmal hinter die Kulissen des Prozesses zu blicken, damit Du die Gründe dafür verstehst, warum die Regeln so sind wie sie sind und weshalb es vielleicht sinnvoll ist, das Spiel auf diese Weise zu spielen. Es ist eine Sache, dass Du ein Set von neuen Regeln und Verhaltensweisen bekommst, denen Du folgen sollst. Etwas ganz anderes ist es, die Prinzipien zu durchdringen, auf denen sie basieren, die Gründe zu verstehen und zu fühlen, was der „Purpose“ dahinter ist. Wenn der Artikel Dir dabei ein wenig geholfen hat, dann war es das wert.  Antoine de Saint-Exupéry drückt es so aus:

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“