People and Organisation
„Alles ist vollkommen, aber es gibt noch genügend Spielraum für Verbesserungen“
– Suzuki Roshi

 

Dieser Blog-Post dreht sich um Tipps und Tricks für Governance. Eine wichtige Gewohnheit in Holakratie lautet „Schreibe Spannungen für Governance auf“. Wenn Du sie übst, dann hast Du früher oder später auch eigene Agenda-Punkte, die Du prozessieren kannst. Falls Du es noch nie erlebt haben solltest, weil Dein Kreis womöglich noch im Anfangsstadium mit dem Erlernen des Prozesses steht, möchten wir Dich ermutigen, dass Du Deine eigenen Governance Spannungen prozessierst. Wage den ersten Lern-Schritt.

Erlebe die Rückseite des Mondes

Wir können nicht überbetonen wie wichtig es ist, einmal aus der 1. Person Perspektive erlebt zu haben, wie der Prozess einen hält, wenn man seine eigene Spannung lösen möchte. Es ist fast wie die Rückseite des Mondes. Aus dieser Sicht werden einige der Schritte, die ansonsten vielleicht befremdlich oder störend wirken auf einmal als sehr positiv erlebt, z.B. das Testen der Einwände. Der Prozess ist darauf ausgerichtet, es dem Spannungsbringer so leicht wie möglich zu machen einen Vorschlag zu bringen, der ihm helfen würde, um zumindest ein kleines Stück voran zu kommen (ohne dass Schaden für den Kreis entsteht). Der Facilitator und der Prozess unterstützen Dich dabei. Im Folgenden haben wir drei Governance-Tipps für Dich.

1) Konkretisiere die Spannung

Als Vorschlagender:
Im Schritt Vorschlag vorstellen achte darauf, dass Du nicht schon vorschnell zur Lösung springst, bevor Du das Problem genau umrissen hast. Damit die anderen Deinen Lösungsansatz verstehen können, müssen sie erst mal ein gutes Verständnis dafür entwickeln, was überhaupt durch Deinen Vorschlag gelöst werden soll. Wie in Lektion 4, „Spannungen konkretisieren“, bereits ausgeführt, ist es wertvoll, wenn Du Beispiele für die Spannung lieferst, die möglichst viele W-Fragen beantworten (wer, wann, wo, wie, weshalb, wozu, welche Rolle/n …?). Das hilft bei der Konkretisierung des Problems.

Falls Du noch keine Idee haben solltest, wie Du Deine Spannung lösen sollst – kein Problem. Du kannst während Vorschlag vorstellen jederzeit um eine Ideen bitten, um Dir zu helfen einen initialen Vorschlag zu erstellen. Der Facilitator öffnet dann die Diskussion für alle und beendet sie, sobald Du etwas identifiziert hast, was Dir irgendwie weiterhelfen würde.

Als Teilnehmer: 
Dränge auf Klarheit über das Problem. Bitte um reale Beispiele für die Spannung. Nutze den Schritt Verständnisfragen, um sowohl die Spannung und den Vorschlag so gut wie möglich zu verstehen (stelle die W-Fragen). Versuche dabei Deine potentielle Reaktionen zum Vorschlag außen vor zu lassen (dafür ist die Reaktionsrunde gedacht) und nur Informationen einzuholen, nicht etwa durch verklausulierte Fragen Deine Meinung abzuladen.

2) Nutze die Reaktionsrunde

Als Vorschlagender: 
Theoretisch kannst Du während der Reaktionsrunde innerlich komplett auf Durchzug schalten, ohne dass ein Schaden entsteht. Realistischerweise ist aber in den Reaktionen häufig eine Information enthalten, die Deinen Vorschlag noch runder machen könnte. Hör also ruhig zu. Der Facilitator sollte Dich aber bereits darauf hingewiesen haben, dass auf Deiner Seite keinerlei Druck besteht irgendetwas von den Äußerungen Deiner Kollegen in dem folgenden Verbessern & Klären Schritt mit aufzunehmen oder zu berücksichtigen. Es ist komplett optional.

Manchmal verbalisieren Deine Kollegen bereits jetzt schon Einwände gegen den Vorschlag. Hör’s Dir einfach an – du musst nichts damit tun. Versuche nicht Deinen Vorschlag an diesem Punkt stark zu verändern, um den Einwand vor der Einwandrunde und der Integration zu integrieren. Das ist an dieser Stelle nicht Dein Job. Dein Job ist primär Dich auf das zu konzentrieren, was Dir helfen würde, um Deine Spannung zu lösen. Die anderen können (und werden) einen formalen Einwand versuchen, wenn Dein Vorschlag Spannungen für sie auslöst. Jeder soll erst mal seine eigenen Spannungen lösen, nicht die anderer Rollen (das „Helfer-Syndrom“ hat keinen Platz in holakratischer Selbstorganisation). Also entspann Dich und nimm nur das in die Verbesserung auf, was ohne großen Aufwand angepasst werden kann (z.B. Referenzen auf Rollen statt auf Personen, Rechtschreibfehler, Präzisierungen in Sprache, bessere Rollentitel, o.ä). Hinweis: Einwände vor der Einwandrunde und der Integration auf heroische Weise während Verbessern & Klären zu integrieren IST aufwändig. Verrenne Dich nicht unnötig und lasse stattdessen die ‚Wurstmaschine‘ (den Governance Prozess) für Dich arbeiten.

Als Teilnehmer: 
Du kannst die Reaktionsrunde nutzen, um laut über den Vorschlag nachzudenken. Sag, was Du gut findest, bzw. was Dich stört. Wenn Du konkrete Verbesserungsvorschläge hast, kannst Du sie hier loswerden. Die nächste Gelegenheit frei zu sprechen ist erst wieder während der Integration. Vielleicht werden sie berücksichtigt, vielleicht nicht. Auch wenn Du konkrete Einwände hast, kannst Du sie natürlich schon vorab nennen – am besten mit der Ansage, dass Du später in der Einwandrunde einen formalen Einwand versuchen wirst. Dann ist klar, dass der Vorschlagende sich auf Dich verlassen kann und nicht versuchen muss, das Gehörte während Verbessern & Klären in seinen Vorschlag hineinzubasteln.

3) Nutze Einwände:

In der holakratischen Praxis ist es von zentraler Bedeutung ein positives Klima für Einwände zu schaffen. Erinnere Dich, dass Einwände Spannungen sind, die entstünden, wenn ein Vorschlag ohne weitere Veränderung angenommen werden würde. Wir würden zwar die Spannung des Vorschlagenden lösen, aber gleichzeitig eine (oder mehrere) neue Spannung(en) ins System einführen. Mit anderen Worten: wir würden uns im Kreis drehen und die Dinge verschlimmbessern. Einwände sind daher wertvolle Daten darüber, wo potentiell Schaden durch Veränderungen entsteht. Wir wollen sie hören. Die Haltung des Facilitators und aller anderen Kreismitglieder sollte daher stets sein, Einwände zu ermutigen.

Als Vorschlagender: 
Dein Job ist es, Deine eigene Spannung zu lösen – nicht Einwände anderer vorwegzunehmen und zu verhindern. Lass es drauf ankommen. Kümmere Dich erst mal selbst um die Bedürfnisse Deiner Rolle. Andere kümmern sich schon um ihre eigenen Rollen-Bedürfnisse, indem sie bei Bedarf Einwände erheben. Verlasse Dich darauf. Besser noch – sage es ihnen direkt:

„Dieser Vorschlag würde mir erst mal weiterhelfen. Falls aber irgendetwas damit nicht in Ordnung sein sollte, dann erhebt bitte einen Einwand. Ich zähle auf euch. Nur so können wir sicherstellen, dass der Vorschlag keinen Schaden verursacht.“

Einwände entlasten den Vorschlagenden davon, sämtliche Implikationen seines Vorschlags voraussehen und quasi in vorauseilendem Gehorsam bereits in einer perfektionierten Formulierung erfasst haben zu müssen. Mach Dir keinen Stress – lass lieber den Prozess die Arbeit für Dich tun, indem Du Einwände einlädst.

Als Teilnehmer:
Falls Du nur ansatzweise das Gefühl haben solltest, der Vorschlag könnte irgendwie schädlich sein, dann versuche in jedem Fall einen Einwand. Verlasse Dich niemals darauf, dass andere an Deiner Stelle Einwände erheben werden. Erstens dürfen sie nicht stellvertretend für Deine Rolle Spannungen prozessieren (Testfrage 4 filtert das heraus) und zweitens ist Deine Perspektive einzigartig und unentbehrlich. Du bist ein wichtiger Sensor für die Organisation. Nimm Dich und Deine Rollen ernst.

Wenn sich Dein Einwand am Ende als ungültig herausstellen sollte, ist das kein Beinbruch. Es mag immer noch eine legitime Spannung sein, für die es Pfade zur Prozessierung gibt. „Ungültiger Einwand“ heißt lediglich soviel wie „muss an dieser Stelle des Prozesses nicht integriert werden“. Keine Scheu. Der Facilitator ist nicht die Einwandsverhinderungspolizei, die Dich ins Kreuzverhör nimmt – jedenfalls sollte er das nicht sein. Er ist eher ein neugieriger Forscher, der Dich mit an die Hand nimmt, um herauszufinden, welche Einwände integriert werden müssen und welche nicht. Letztlich sagt er Dir nicht, ob der Einwand ungültig ist, sondern hilft Dir anhand der Fragen das selber für Dich herauszufinden.

Um die Hürde für Dich herabzusetzen sag einfach: „Ich möchte einen Einwand versuchen.“ Oder: „Ich habe Bedenken mit dem Vorschlag. Lass uns herausfinden, ob sie integriert werden müssen.“