Neue Wege in der Persönlichkeits- und Teamentwicklung gehen

Seit Mai werden bei uns wieder die jährlichen Development Dialoge geführt, d.h. die Führungskräfte besprechen mit ihren Mitarbeitern Entwicklungsziele und geben (idealerweise :)) Feedback. Dieses klassische Führungsinstrument kommt in einer teambezogenen Selbstorganisation (d.h. in diesem Kontext weg von einer Führungskraft hin zur geteilten Führungsarbeit im Team) aber an ihre Grenzen.

Warum? Weil in der „klassischen“ Welt Mitarbeitergespräche sehr stark durch die Führungskraft bestimmt werden. Dort führt sie das Gespräch als (alleiniger) Feedbackgeber und „Gatekeeper“ für persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Also ob in Weiterbildung für den Mitarbeiter investiert wird. Das hängt meist auch davon ab, ob sich der Mitarbeiter in der Wahrnehmung der Führungskraft die Weiterbildung bzw. die Investition durch Einsatz und Engagement verdient hat. Das „Tratschen in Anwesenheit“ als neues Format kann wichtiges Feedback geben und bietet Chancen, Führungsarbeit stärker in die Teams zu bringen. Ähnlich dem Peerfeedback eröffnet der Eigen- und Fremdbildabgleich wertvolle Einblicke in unsere blinden Flecken.

Wie läuft das ab?

Einfach skizziert tauscht sich das Team über ein anwesendes (aber abgewandt sitzendes) Teammitglied aus. Anders als das Tratschen in der Kaffeeküche findet das „Tratschen in Anwesenheit“ mit einer Moderation statt. Diese schafft einen konstruktiven Rahmen entlang der bekannten Feedbackregeln (wertschätzend, Ich-Botschaften, konkret, zeitnah) und führt durch zwei Runden „Tratschen“. Das bedeutet, die Teammitglieder sprechen in der dritten Person über den abgewandt Sitzenden und das Anknüpfen an Gesagtes ist ausdrücklich erwünscht. Damit kommen verschiedene Perspektiven zutage und es fördert die natürliche Gesprächsdynamik.

In der ersten Runde wird ausschließlich über Stärken getratscht. Was kann das Teammitglied besonders gut? Welche Stärken werden wahrgenommen? Wenn die Runde „abebbt“, ist der Moderator gefragt, das Teammitglied wieder in die Teamrunde einzuladen. Hier können Verständnisfragen geklärt werden. Wenn derjenige möchte, kann er teilen, was in ihm vorgeht. Möglich ist es auch, gezielte Fragen für die nächste Runde zu stellen, wie derjenige in bestimmten Situationen wahrgenommen wird. In dieser Runde wird dann über Potenziale getratscht. Der Moderator kann das Team gerne dazu einladen, dies unter dem Aspekt „zu viel des Guten“ zu tun – denn meist sind vermeintliche Schwächen überzeichnete Stärken. Erlebte man das Teammitglied in Situationen, die hätten besser laufen können? Welche Potenziale sind noch ungenutzt? Gab es Teamsituationen, die irritierten und man die Gelegenheit nutzen möchte, das anzusprechen – und zu klären?

Wenn das Teammitglied wieder in der Teamrunde sitzt, können erneut Fragen gestellt und erste Reaktionen geteilt werden. Der dann anschließende Teil bietet die meisten Chancen für ein Team und den Einzelnen. Unsere im Unternehmen gelebten Prinzipien fordern „Stärken stärken“ – also wie können die Stärken des Einzelnen am besten in das große Ganze der Teamaufgabe eingebracht werden? Dadurch bekommt jeder im Team einen Überblick, welche Stärken überhaupt da sind und jeder kann Vorschläge einbringen, wie diese weiterentwickelt und genutzt werden können. Gleiches gilt bei Potenzialen – verschiedene Ideen und Unterstützungsmöglichkeiten aus dem Team können dem Einzelnen helfen, sich weiterzuentwickeln.

 

Mehr Feedback – mehr Entwicklungsmöglichkeiten

Das „Tratschen in Anwesenheit“ öffnet einen größeren Raum von Perspektiven und Entwicklungsideen für jeden Einzelnen. Die Führungskraft hat die Chance, damit ihre eigenen Bewertungsmuster zu hinterfragen und erkennt die wahrgenommenen Qualitäten eines Menschen im Team. Auch der Lösungsraum vergrößert sich, denn das Team kann den Einzelnen aktiv unterstützen. Wie das? Wenn beispielsweise Wissensinseln erkannt werden oder fehlendes Know-how bei Kollegen, kann im Team eine Lösung gefunden werden. Wer hat das Expertenwissen? Wie kann es besser verteilt werden? Kann im Pair bzw. Tandem bei Projektaufgaben gearbeitet werden? Wer möchte das unterstützen? Usw.

 

Was macht das mit dem Team?

Dieses Format fördert das Gemeinschaftsgefühl in Teams, denn leider wird in unserer Kultur zu selten über das Positive und die Stärken von Einzelnen gesprochen. Der „warme Regen“ in der ersten Runde überrascht nicht selten, denn das positive Fremdbild aus dem Team ist (in dem Ausmaß) meist nicht bekannt – und tut einfach gut. Das schafft Vertrauen und motiviert, sich mehr einzubringen. Unsere Potenzialfelder sind uns ja meist nicht unbekannt. Aber das eigene Team zu hören, wie es besser ginge und konkrete Ideen zu erfahren, schafft Selbstvertrauen und motiviert, auch die Arbeit an sich selbst anzugehen. Die gegenseitige persönliche Öffnung (generell tun das Feedbackgeber genauso wie Feedbacknehmer) birgt viel Potenzial für den Zusammenhalt im Team.

 

Wann eignet sich das Format „Tratschen in Anwesenheit“ noch?

Einige Teams bei uns nutzen das Format auch für neue Teammitglieder, um ihnen während der Einarbeitungszeit ein Teamfeedback zu geben. Im Sinne unserer Prinzipien kann sich damit jeder einbringen, die bestmögliche Zusammenarbeit sicherzustellen, Erwartungen zu formulieren und Feedback zu geben. Wir nennen das geteilte Führungsarbeit im Team – mit den Aspekten der Wertschätzung und Stärkenorientierung. Ohne auf Schwächen „rumzurubbeln“ und diese in den Fokus zu rücken, wie es leider in den klassischen Mitarbeitergesprächen gelegentlich passiert.